Viele Menschen interessieren sich heute für Naturheilkunde und einen ganzheitlichen Lebensstil. Dabei erfreut sich auch die Ernährungslehre nach Hildegard von Bingen immer größerer Beliebtheit und die ‚Hildegard-Medizin‘ stößt auf immer größeres Interesse. Viele möchten mehr über ihre ‚Hausapotheke‘ erfahren – über Dinkel, Galant, Habermas oder Wermut – oder sie möchten wissen, was es mit Aderlass oder Schöpfen nach Hildegard auf sich hat. Demgegenüber scheinen Hildegards Visionen, ihr prophetisches Erbe und ihre heilsgeschichtlicheTheologie eher unbekannt, und ihre Musik ist in ihrer deutschen Heimat (anders als z.B. in Amerika) für manche erst eine Entdeckung.
Mit diesem Einleitungssatz beginnt mein Artikel zu „Hildegards Heilkunde“, den ich als theologische Autorin für die die Neufassung des „Pilgerbuch“verfasst habe. Darin bin ich zunächst auf Hildegards zwei medizinischen Schriften (Liber Physica, Liber Causae et Curae) und  die drei Quellen ihrer Heilkunde (Klostergarten, Medizin des Mittelalters; Originäres) eingegangen. Sodann habe ich die Entwicklung der heutigen sogenannten ‚Hildegard-Medizin‘ und ihre sechs Goldenen Regeln beschrieben, bevor ich eine kritische kritische Würdigung vorgenommen habe:
 
„Um Hildegards Heilkunde auch in ihrer Besonderheit als Heilkunde einer Klosterfrau, Visionärin und Kirchenlehrerin, zu würdigen, ist es m.E. erforderlich, zum einen die vielen positiven praktischen Erfahrungen wahrzunehmen, von denen Heilpraktiker berichten, die heute mit dem „Sechs Goldenen Regeln“ der Hildegard-Medizin arbeiten, zum anderen aber auch die kritischen Stimmen wahr und ernst zu nehmen, die nicht nur aus dem medizinischen, sondern auch aus dem theologischen Bereich kommen. Denn – etwas zugespitzt gesagt – mag zwar die heutige esoterische Aufladung der „Hildegard-Medizin“ als Direktoffenbarung für manche attraktiv sein; für andere stellt sie aber ein Ärgernis dar, das sie eher davon abhält, sich auf Hildegards Heilkunde, etwa im Sinne einer bewährten Naturheilkunde einzulassen.“
Kern meiner kritischen Würdigung ist insbesondere ein Verständnis von Visionen – nicht als Direktoffenbarung von Rezepten – sondern im Sinne neuerer katholischer Theologie und Mystik-Forschung als umfängliches, erkenntnishaftes Geschehen. Und um Hildegards Heilkunde endlich auch das Ganze ihrer Theologie und Heilskunde einzuordnen, habe ich eine Zeichnung angefertigt, die ich hier vorstellen möchte:
In der Mitte bewegen ‚Sapientia‘ (Weisheit), ‚Caritas‘ (Liebe) und ‚Viriditas‚ (Grünkraft) sozusagen als göttlicher Motor die Heilsgeschichte. – Oben (im Osten) ist ‚Gott‚ als Anfang und Ende der Geschichte dargestellt. – Mit der Schöpfung beginnt die Zeit des Paradieses, in der kosmische Harmonie herrscht. Es gibt noch keine Krankheiten und Fortpflanzung geschieht durch Teilung, noch ohne sexuellen Akt. Nach Gottes ‚Ewigem Ratschluss‘ ist die Jungfrau Maria ‚Mater Dei‘ – Gottesmutter von Beginn der Zeiten. – Mit dem ‚Sündenfall‚ kommen dann zugleich Krankheiten und Tod in die Welt. Nun beginnt die Zeit ‚Synagogas‘ in der Moses und die Propheten die Söhne und Töchter Evas leiten. – In der Mitte der Geschichte steht das Ereignis der Inkarnation, der Geburt des Gottessohnes. – Das Leben Christi von der Geburt bis zur Passion bildet dann, mit dem Heilswirken des Gottessohnes (auch mit seinen Wunderhelungen) auf der Erde die dritte Zeitperiode. – Mit dem Tod am Kreuz ist zugleich Heil verbunden. So sieht Hildegard in ihrer Vision von Christus und seiner Kirche (Tafel 33) nicht nur Christus am Kreuz, sondern die ‚Hochzeit auf dem Kalvarienberg‘, in dem ‚Ekklesia‘, die Braut Christi, als Priesterin an seinem Altar, dessen heilendes Blut in einem Kelch empfängt. Mit diesem ‚Heilmittel‘ aus dem ‚heiligen Gral‘ kann Ekklesia nun auch Heil und Heilung zu den Menschen bringen. – Diese vierte Zeit der Heilsgeschichte ist nun die Zeit Ekklesias, in der wir alle bis zum ‚Ende der Zeiten‘. In dieser ‚Zeit der Kirche‘ sind die Entwicklung der ‚Tugenden‘ und der ‚Synergie‘, der Zusammenarbeit von Gott und Menschen zum ‚Aufbau der Stadt Gottes‘ unsere Aufgabe.“ (Annette Esser, „Hildegards Heilkunde“, in: Pilgerbuch. Hildegard von Bingen Pilgerwanderweg. 3. aktualisierte und erweiterte Auflage, Verlag Matthias Ess, Bad Kreuznach 2026, S. 346-362)

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